kunstdidaktik_forschung

Raphael Spielmann

WiSe 2014/15

Mahnmal für die „Illenau“ – Siegerentwuf „Gedächtnislücke“

Mahnmal „Gedächtnislücke“, Realisierung: Franz Rothmund, Manfred Emmenegger-Kanzler. Entwurf: Hanna Buck, Rebecca Schmidt. Achern – Illenau 2015. Cortenstahl, Plexiglas, LED-Beleuchtung. 830 x 500 x 75 cm.

Im Rahmen meines Seminars „Ein Mahnmal für die Illenau“ befassen sich Studierende mit traditionellen und zeitgenössischen Denk- und Mahnmalen, um selbst Entwürfe für den Mahnmal-Wettbewerb der Stadt Achern zu entwerfen. Schnell wird uns im Seminar klar, dass viele zeitgenössische Denk- und Mahnmale nicht mehr erhaben emporragen, sondern sich unterhalb des Erdniveaus befinden. Fast archäologisch blickt man so z. B. in das „Denkmal zur Bücherverbrennung“ am Bebelplatz im Zentrum Berlins (1995). Weitere bekannte Beispiele für bodenebene Mahnmale der NS-Zeit sind die „Stolpersteine“ von Gunter Demnig (seit 2004), die „Flugblätter“ auf dem Geschwister-Scholl-Platz in München (1988/2006) sowie die abstrahierte Variante der „Flugblätter“ auf dem Geschwister-Scholl-Platz in Freiburg-Rieselfeld (1997/2002).

Über einen Zeitraum von einem Jahr befassen wir uns mit der NS-Zeit und mit der Deportation von Euthanasie-Opfern der Illenau. Hierzu recherchieren wir gemeinsam im Staatsarchiv Freiburg/Landesarchiv Baden-Württemberg und finden textliche und bildliche Hinweise auf den Verbleib der Opfer.

Ein schöner Anlass und Höhepunkt unseres Seminars zum Mahnmal-Entwurf ist die Wettbewerbsausstellung in den Räumen der Illenau. Wir mieten einen LKW und fahren alle Entwürfe von Freiburg nach Achern. Unsere Studentinnen Hanna Buck und Rebecca Schmidt gewinnen mit ihren Überlegungen und ihrem Entwurf „Gedächtnislücke“ den Wettbewerb. Ihr Modell zeigt einen Riss im Boden.

Mahnmal-Entwurf:

Entwurf von Hanna Buck und Rebecca Schmidt: „Gedächtnislücke“. Links: Riss-Abbildung, rechts: Fotomontage.
Entwurf von Hanna Buck und Rebecca Schmidt: „Gedächtnislücke“. Fotomontage.
Modell zur „Gedächtnislücke“ von Hanna Buck und Rebecca Schmidt. Karton, Folie, günes Wiesenstreu, Batterie, Lampe.

Entwurf-Beschreibung der Studierenden:

Die von mir so genannte „Gedächtnislücke“ soll sich über die freie Rasenfläche bis hin auf den Gehweg, der zu dem Hauptgebäude der Illenau führt, erstrecken. Der Spalt zieht sich 1,5 Meter in die Tiefe und wird bedeckt von einer Plexiglasscheibe, so dass die Besucher diesen überqueren und hineinsehen können. Von weitem ist dieses Mahnmal kaum sichtbar, der Blick auf das imposante Gebäude der renovierten Illenau wird nicht getrübt. Wenn der Besucher sich aber näher an dieses Gebäude begibt, soll ihn auch die Geschichte berühren. Das Mahnmal steht nicht an einem Platz, an dem
der Blick vorbei schweifen kann, sondern es zieht sich direkt in den Fußweg herein, so dass jeder Besucher erreicht wird. Der Riss „schleicht“ sich unter die Füße und stellt sich ein Jedem in den Weg. Dabei wird sowohl eine emotionale als auch eine gedankliche Anregung auf subtile Art und Weise gefordert. Der Besucher macht sich Gedanken, was es mit dieser dunklen, leeren Lücke auf sich hat, bis er beim zweiten Hinsehen eventuell auf die historische Bedeutung der Illenau gerät. Diese wird in Form einer, in die Tiefe versunkene „Gedächtnislücke“ dargestellt, die es von den Besuchern fordert ausgeleuchtet zu werden. Der tiefe Einschnitt auf dem Weg zur heutigen Illenau soll an die dunkle Zeit des Nationalsozialismus`, der auch die Patienten der Illenau nicht verschont hat, aufmerksam machen. Wo Worte an ihre Grenzen geraten, bleibt oft nur eine dunkle Leere, welche oft in die unbewusste Tiefe gerät. Gerne wird sie einfach übergangen und wird somit immer mehr versenkt. Die Aufarbeitung der Vergangenheit der Illenau
ist auf persönliche Art, als auch mit Hilfe der verschiedenen Angebote, wie dem Gedenkweg und dem Museum, in der Illenau möglich. Das Mahnmal bietet somit dem Besucher die Anregung diese „Gedächtnislücke“ zu füllen und aus der Tiefe hervozuheben.

Mahnmal auf der Illenau:

Mahnmal „Gedächtnislücke“ mit nächtlicher Illumination. Achern – Illenau 2015. Cortenstahl, Plexiglas, LED-Beleuchtung. 830 x 500 x 75 cm.

Umgesetzt wurde der Mahnmal-Entwurf in zwei Elementen durch die beiden Künstler Manfred Emmenegger-Kanzler und Franz Rothmund. Das schwere Corten-Stahl gründet auf einem Beton-Fundament. Bei Dunkelheit wird die „Gedächtnislücke“ von innen mit LED-Licht illuminiert.

Einbau der Cortenstahl-Elemente:

Mahnmal „Gedächtnislücke“, Einbau. Realisierung duch: Manfred Emmenegger-Kanzler und Franz Rothmund.

Anlieferung der Cortenstahl-Elemente mit dem Kranfahrzeug:

Mahnmal „Gedächtnislücke“, Anlieferung. Realisierung durch Manfred Emmenegger-Kanzler und Franz Rothmund.