kunstdidaktik_forschung

Raphael Spielmann

Arbeits- und Forschungsschwerpunkte

  • Bilderwelten von Kindern und Jugendlichen
  • Vermittlung von Kunst im öffentlichen Raum im Sinne von Teilhabe
  • Inklusion und Kunstpädagogik
  • Film/Video als zeitbasiertes, interdisziplinäres Medium

Bilderwelten von Kindern und Jugendlichen

Performative Bildakte mit einem Karton in Verbindung mit Zeichnung, Schrift und Spiel

Bildsprachen von Kindern und Jugendlichen beziehen sich auf eine Vielfalt an Möglichkeiten bildnerischer Prozesse. Diese umfassen nicht nur traditionelle Kinderzeichnung, sondern auch bislang noch wenig beforschte Tätigkeiten wie das Basteln und Bauen. Beispielsweise ist das Prinzip der Collage mit materiellen Dingen noch kaum untersucht. Im ästhetischen Bildungsbereich findet aktuell eine rege Diskussion zu Ding-Praktiken statt (Heil 2015; Rettenmeier 2019; Bollig/Albert/Schindler 2020). Für den Bereich dreidimensionaler Bildakte existieren bislang unterschiedliche Umschreibungen wie Basteln, Bauen, Objektmontage oder Assemblage (Heyl/Schäfer 2016, S. 66), aber noch keine Kategorienbezeichnung. Martinetti/Spielmann (2021) schlagen deshalb die Begrifflichkeit „Dreidimensionale Kinderwerke“ vor.

Festzustellen ist zudem: Während für Kinderzeichnungen diverse Analysemodelle bereitstehen (Peez 2015, S. 92 ff.), existieren für dreidimensionale Kinderwerke noch keine adäquate Analyseformen.

Während eines forschenden Studierens im WiSe 2020/21 an der PH Freiburg, bei dem Studierende an der Datengenerierung beteiligt waren, konnten erste Beobachtungen zu den gebastelten Werken von Kindern und Jugendlichen angestellt werden. Aus den bisherigen Erfahrungen wird nun ein Analysemodell für dreidimensionale Bildprozesse und ihrer Manifestation als dreidimensionales Kinderwerk entwickelt.

Ein weiteres Desiderat, das in direktem Zusammenhang mit Bildprozessen von Kindern und Jugendlichen zu sehen ist, sind performative Akte und Spiel-Akte im Sinne einer sozialen Bildpraxis. So finden bildsprachliche Prozesse in den Bereichen des Bastelns, der Malerei oder der Zeichnung meist nicht autark, sondern kommunikativ statt. Erste Erkenntnisse hierzu gehen aus einer Beforschung zum gegenständlichen Zeichnen hervor, das den Zeichenprozess in „relationalen Resonanzräumen“ (Morawietz 2020, S. 14) verortet sieht, stets eingebettet in die Interaktion mit Peer-Groups und begleitenden Erwachsenen. Performative Bild-Akte und Spiel-Akte sind für alle bildsprachlichen Prozesse und insbesondere für den Bereich dreidimensionaler Kinderwerke, die oft kooperativ/kollabrativ in häuslichen Geschwistersettings oder in Partner-/Gruppenarbeit in schulischen Kontexten stattfinden, näher zu untersuchen. Die Beforschung erfolgt auf der Basis einer praxistheoretischen Perspektive, die die kindlichen Handlungen als soziale und kulturelle Praxis begreift. (Reckwitz 2003)

Internet-Portal

www.kinderbildsprache.de
www.kinderzeichnung.de

Literatur

Bollig, Sabine/ Alberth, Lars/ Schindler, Larissa (2020): Materialitäten der Kindheit: Analytische Sichtachsen auf Körper, Dinge und Räume. In: Bollig, Sabine/ Alberth, Lars/ Schindler, Larissa (Hrsg.):  Materialitäten der Kindheit. Wiesbaden. S.1-14.

Heil, Christine (Hg.): Kreative Störfälle. (Un-)gewöhnlicher Dingumgang in ästhetischen Bildungsprozessen.2015.  Dortmund.

Heyl, Thomas/Schäfer, Lutz (2016): Frühe ästhetische Bildung. Mit Kindern künstlerische Wege entdecken. Berlin, Heidelberg.

Martinetti, Theresa/Spielmann, Raphael (2021): 3D-Ansichten als neues Medium der Archivierung und Datenerhebung dreidimensionaler Kinderwerke im Rahmen eines forschenden Studierens.

Morawietz, Anja (2020): Zeichnen als Bildungschance im Kindergarten. München: kopaed.

Peez, Georg (2015): Kinder zeichnen, malen und gestalten. Kunst und bildnerisch-ästhetische Praxis in der KiTa. Stuttgart: Kohlhammer.

Reckwitz, Andreas (2003): Grundelemente einer Theorie sozialer Praktiken. Eine sozialtheoretische Perspektive. In: Zeitschrift für Soziologie, Jg. 32, Heft 4, S. 282-301.

Rettenmeier, Sarah (2019): Sammelaktivitäten im Grundschulalter – Studien zur pädagogischen Anthropologie der Kindheit.


Vermittlung von Kunst im öffentlichen Raum im Sinne von Inklusion und Teilhabe

Kunstvermittlung mit digitalen Ralleys, Augmented Reality und 3D-Ansichten

In Ausstellungshäusern und Museen hat die Kunstvermittlung in den vergangenen Jahren einen enormen Bedeutungszuwachs erfahren. „Dass die Kunstvermittlung seit einiger Zeit aus dem Schattendasein musealer Hilfspraktiken in das Rampenlicht der Reflexion treten konnte, hat auch damit zu tun, dass sie selbst sowie ihre Dokumentationen zunehmend sichtbar – und zugleich lesbar (gemacht) wurden.“ (Mörsch et al. 2018, S. 9) Projekte musealer Kunstvermittlung, bei denen Jugendliche partizipativ eingebunden sind, gibt es inzwischen in mehreren Ausstellungshäusern. So existiert in der Fondation Beyeler in Form des ‚Art Lab‘ ein Programm, bei dem Jugendliche selbst Ideen erarbeiten, wie sie gleichaltrige Personen für Kunst begeistern. Dass die Ansprache von Jugendlichen eine Herausforderung ist, „hängt denn auch mit der Wahrnehmung des Museums zusammen.“ (Bernardi 2019) Diese ist in Deutschland eine andere als in Großbritannien, wo Museen traditionell als Lebensräume wahrgenommen werden. In den ‚Philanthropic Galleries‘ „wurden künstlerische Arbeiten zur Ausbildung eingesetzt und Kunst wurde als Bestandteil der eigenen Lebensgestaltung verstanden. Hinzu kommt: Der Zugang zu den Sammlungen öffentlicher Museen ist kostenfrei!“ (ebd.)

Auch Kunstwerke im öffentlichen Raum und zahlreiche Werke im Bereich ‚Kunst am Bau‘ sind in Deutschland selbstverständlich kostenfrei anzusehen, doch sie besitzen oft keine angemessene Dokumentation oder sind nicht mit weitergehenden Vermittlungskonzepten verknüpft, wie wir sie inzwischen von musealen Räumen kennen. Mithilfe digitaler Endgeräte und passender Apps können jedoch Vermittlungssituationen geschaffen werden, die unterschiedliche Zielgruppen adressieren. Handlungsauffordernde Kunst-Ralleys mit Gamification-Charakter sind für Kinder und Jugendliche besonderes interessant. Dabei ist es möglich, über Tempo und Umfang in Bezug auf einzuholende Informationen und zu lösender Rätsel selbst zu entscheiden. Hinzu kommt, dass diese Art der Kunstvermittlung in der Peer Group stattfindet und eine dialogische Auseinandersetzung fördert. An der PH Freiburg werden derzeit Apps für den beschriebenen Einsatz erprobt, darunter auch eine App, die an der Hochschule entwickelt wird.

Während dieser Ansatz auf eine „reproduktive Kunstvermittlung“ (Institute for Art Education ZHdK 2013, S. 200) abzielt und damit Zugänge zu Kunstwerken für Zielgruppen ermöglicht, die bislang noch nicht adressiert sind, könnte die Kunstvermittlung darüberhinaus auch zum „kollaborativen Produktions- und Handlungsraum“ (ebd. S. 206) werden. Für solche Vorhaben sind bei Kunst im öffentlichen Raum allerdings erhebliche Hürden vorhanden. Bevor hier Landes- und Stadtbehörden mit z. B. Jugendlichen kollaborative Handlungsräume in den Blick nehmen, bedarf es noch einiger Überlegung und Überzeugungsarbeit. Digitale Möglichkeiten können eine erste Annäherung dazu schaffen.

In einem ersten Schritt werden mit Initiative des Instituts der Bildenden Künste/PH Freiburg kurze Video-Dokumentationen von Kunstwerken im öffentlichen Raum der Stadt Freiburg in Kooperation mit dem Medienzentrum der Uni Freiburg erstellt. Studierende erarbeiten in einem Tandem-Teaching filmische Kurzformen, die später als Info-Material in digitalen Stadt-Ralleys dienen können. Zugleich werden 3D-Scans von Plastiken angefertigt, um auch diese als Augmented Reality an geeigneten Stellen der Ralley einbinden zu können. Erste Erprobungsergebnisse hierzu liegen bereits vor und wurden publiziert (Spielmann 2020).

Resonanz

Einen weiteren Ansatz zur Kunstvermittlung verfolge ich unter den Vorzeichen der „Resonanz“. Der Begriff kann als relationales Phänomen vestanden werden und bezieht sich nicht nur auf ein Individuum, sondern stets auf eine Umwelt, die aus Dingen, Materialien und anderen Individuen besteht. Resonanz beginnt “in materiellen Schwingungsübertragungen, setzt sich fort auf physiologischer Ebene in zum Beispiel menschlichen Körpern und wirkt hinein in menschliches Verhalten, Empfinden, Denken und Handeln.” (Zahn 2017, S. 98) ) Assoziationen und Erkenntnissse basieren demzufolge zuallererst auf körperlich-sinnlichen Resonanzen. Übertragen auf Bildungsprozesse sowie auf Situationen der Kunstpädagogik und der Kunstvermittlung stehen ‘resonierende’ Begegnungen – im Gegensatz zu kognitiven Prozessen – ganz zu Beginn, d. h. sie sind es, die automatisch und zuerst auftauchen und erscheinen, wenn Dinge, Individuen, Medien, Technologien – kurz: die ganze “materielle Fülle der Welt” (ebd. S. 98) aufeinandertreffen. In einer ersten Untersuchung mit bildungsfernen Milieus zeigte sich eine resonierende Kunstbegegnung überaus relevant und wirksam, da Schüler*innen nicht zuerst mit kognitiven Anforderungen, wie Texten oder Audioguides konfrontiert werden, sondern auf ihre eigene Wahrnehmung vertrauen dürfen. (Friedlmeier/Spielmann 2021)

Literatur

Bernardi, Giulia (2019): Kunstvermittlung – Quo vadis? Online unter: https://www.artlog.net/de/kunstbulletin-1-2-2019/kunstvermittlung-quo-vadis

Friedlmeier, Lukas/Spielmann, Raphael (2021): Performanz und Resonanz als Dimensionen inklusiver Kunstpädagogik im Museum. Wie digitale Formate der Kunstkommunikation in einer 8.  Klasse der Werkrealschule vertiefte Gespräche über zeitgenössische Kunst ermöglichen. In: BDK-Mitteilungen 3/2021.

Institute of Art Education der ZHdK (2013) (Hg.): Zeit für Vermittlung. Online unter: https://www.kultur-vermittlung.ch/zeit-fuer-vermittlung

Mörsch, Carmen/Schade, Sigrid/Vögele, Sophie (2018): Einleitung. In: dies. (Hg.): Kunst Vermittlung Zeigen. Über die Repräsentationen pädagogischer Arbeit im Kunstfeld; Representing Art Education. On representation of pedagogical work in the art field.

Spielmann, Raphael (2020): Die Bürger von Calais. Werkanalyse mit 3D-Ansichten und Augmented Reality. Überlegungen und praktische Umsetzungen. In: KUNST+UNTERRICHT 439/440, hg. v. Georg Peez, S. 34-36.

Zahn, Manuel (2017): Resonanz. Medienökologische Perspektiven der Kunstpädagogik. In: Maset, Pierangelo/Hallmann, Kerstin (Hg.): Formate der Kunstvermittlung. Kompetenz – Performanz – Resonanz. Bielefeld: transcript, S. 91-103.


Inklusion und Kunstpädagogik

Während die Inklusionsdebatte anfänglich vor allem Überlegungen im Bereich des sonderpädagogischen Förderbedarfs umfasste, liegen inzwischen erste konkrete Aussagen im Hinblick auf eine inklusive Unterrichtsentwicklung für die Kunstpädagogik vor (Kaiser 2019). In ihrer Untersuchung interviewt Kaiser Kunststudierende nach ihren Überzeugungen „für einen produktiven Umgang mit Vielfalt im Kunstunterricht“ (ebd. S. 126) und gelangt über eine Kategorienbildung zu empirisch begründeten Überzeugungsmustern. Diese umfassen vier Überzeugungs-Grundtypen in Hinblick auf Inklusion und Kunstunterricht. Kaiser stellt fest, dass die Reflexion eigener Inklusions-Überzeugungen in der Lehrer*innenausbildung eine wichtige Rolle spielen könnte und sollte.

Auch wenn Kaiser mit ihrem Ansatz eine erste Forschungslücke für die Kunstpädagogik schließt, mangelt es für die Kunstdidaktik weiterhin an Grundlagenforschung. So ist bislang noch nicht bekannt, welche exkludierenden/inkludierenden Verhaltensweisen bei Lehrkräften und Schüler*innen im Kunstunterricht überhaupt konkret existieren bzw. welche Verhaltensweisen exkludierend oder inkludierend wirken.

Mit welchem Verhalten wird ressourcenförderndes Handeln im Kunsterricht hervorgerufen? Mittels Videografie wird im Sinne einer ethnografischen Herangehensweise Kunstunterricht von verschiedenen Lehrkräften untersucht und mithilfe der Grounded Theory eine empirische, datenbasierte Theorie angestrebt.

Potenzialaffines und ressourcenförderndes Verhalten sind nicht nur für den Zweck der Inklusion anzustreben, sondern ganz allgemein zugleich gewünschte Merkmale des Kunstunterrichts. Ergebnisse aus einer solchen Forschung sind also in doppelter Hinsicht interessant, da diese nicht nur Aussagen zur Inklusion, sondern auch ganz allgemein zum Zustand des Faches Kunst liefern.

Auf diese Weise können auch existierende Ausschlussfaktoren eruiert und reflektiert werden. „Im Zentrum steht dabei also nicht das (sonder- und heilpädagogische oder auch medizinische) Faktenwissen über einzelne Formen von Behinderung oder chronische Erkrankungen, sondern das Bemühen um den Abbau vorhandener Teilbarrieren, die Gewährleistung von Partizipationschancen und die konsequente Vermeidung von Diskriminierungserfahrungen auf der Basis einer anerkennenden wechselseitigen Wertschätzung aller Akteure in pädagogischen Handlungskontexten.“ (Dannenbeck 2017, S. 23)

Literatur

Dannenbeck, Clemens (2017): Kernaufgaben inklusionsorientierter Handlungskompetenz. In: Blohm, Manfred u.a. (Hg.): Irgendwie anders. Inklusionsprojekte in den künstlerischen Fächern und der ästhetischen Bildung, Flensburg, S. 23–27.

Kaiser, Michaela (2019): Kunstpädagogik im Spannungsfeld von Exklusion und Inklusion. Oberhause: Athena.


Film/Video als zeitbasiertes und interdisziplinäres Medium

Im Rahmen meiner Dissertation entwickelte ich ein Modell zur Filmbildung an Schulen. Am Deutschen Filmmuseum Frankfurt entstanden weitergehende Workshops zur Filmsprache mit verschiedenen Apps und mobilen Endgeräten.

Publikationen

Spielmann, Raphael (2017): Filmisches Erzählen. Einsatz von Apps zu Kamera, Farbe, Licht & Co. In: Kunstpädagogik digital mobil. Film, Video, Multimedia, 3D und E-Learning mit Smartphone und Tablet – Vermittlungsszenarien, Unterrichtsprojekte und Reflexionen. Hg. v. Ahmet Camuka und Georg Peez.

Spielmann, Raphael (2011): Filmbildung! Traditionen Modelle Perspektiven. München: kopaed.

Klant, Michael/Spielmann, Raphael (2010): Film Portfolio. Aspekte der Filmanalyse: Schwarzfahrer.

Klant, Michael/Spielmann, Raphael (2008): Grundkurs Kunst 1. Kino, Fernsehen, Videokunst. Schroedel: Braunschweig.