kunstdidaktik_forschung

Raphael Spielmann

Digitales Malen und Zeichnen an Tablets

Mit dem Forschungsinteresse zum Malen und Zeichnen auf berührungssensitiven Displays wird die Kinder- und Jugendzeichnung in ihrer digitalen Version als eigenes Phänomen und auch als soziale Handlungspraxis innerhalb eines Netzwerks verschiedener Akteur:innen aufgefasst. Im Sinne Bruno Latours Akteur-Netzwerk-Theorie werden dabei nicht nur Kinder zu Akteur*innen, sondern auch die sie umgebenden Dinge, wie das Tablet, an dem Sie arbeiten (vgl. Latour 2007). Kinder im Grundschulalter zeichnen an Smartphones oder Tablets nicht voraussetzungslos, sondern bringen ihre analogen Erfahrungen ein und stoßen dabei auf digitale Besonderheiten. In diesem Ineinanderwirken analoger und digitaler Kulturen werden sie sich verschiedener Aspekte von „Digitalität“ (Schier 2020, Stalder 2016) bewusst. Durch die vielen zu entdeckenden Aspekte bei digitalen Zeichen-Apps spielt auch das Erleben von „Prozessualität“ eine Rolle. So wird während des Zeichenprozesses deutlich, dass Kinder zwar eine Idee davon haben, was sie zeichnen möchten, sie sich aber auch von den Möglichkeiten der Zeichen-App leiten lassen und diese erkunden. Damit einher geht eine deutlich gesteigerte Kommunikation, die ihren Ursprung im Entdecken und dem damit verknüpften Mitteilungsbedürfnis hat. Fehlt hingegen eine Einführung zu den Eigenheiten und Möglichkeiten der Zeichen-App, kann es vorkommen, dass Kinder das Gerät als bloßes „Werkzeug“ und nicht als „Medium“ verwenden und ihrem Tun tendenziell ein ‚analog basiertes Zeichenkonzept‘ zugrunde liegt. Auch bei Kindern im KiTa-Alter wird von ähnlichen Beobachtungen berichtet (vgl. Meyer/Peez 2017).

Neben diesen ersten Erkenntnissen mit Einzelfallanalysen (Spielmann 2021a+b), die methodisch auf teilnehmender Videografie basieren, soll das Forschungsvorhaben nun erweitert werden. Hierzu werden Untersuchungen mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen in den Blick genommen, ebenso das gemeinsame Malen und Zeichnen an Tablets im Kunstunterricht, bei dem Peer-Interaktionen den Gestaltungsprozess im Klassengefüge maßgeblich beeinflussen.

Digitale Kinderzeichnung am Tablet. Johanna 10;4 Jahre.

Quellen

Latour, Bruno (2007): Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft. Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Meyer, Isabell/Peez, Georg (2017): Farbspuren auf dem Touchscreen. Eine Fallstudie zum Fingermalen bzw. -zeichnen eines dreieinhalbjährigen Kindes. In: Camuka, Ahmet/Peez, Georg (Hrsg.): Kunstunterricht mit Smartphones und Tablets. Fotografie, Stop-Motion-Film, digitales Zeichnen und Malen – Unterrichtsbeispiele und Praxisforschung. München: kopaed, S. 227–339.

Schier, André (2020): Digitalität. http://xn--digitalitt-und-identitt-37bn.de/?page_id=447 [09.02.2021]

Stalder, Felix (2016): Kultur der Digitalität. Berlin (Suhrkamp).

Johanna, 6;11 Jahre: „Vulkanausbruch im Wasser“

Publikationen

Spielmann, Raphael (2016): Digitale Kinderzeichnung am Tablet. Beobachtungen, Kategorisierungen, Vergleiche und Reflexionen. In: BDK-Mitteilungen 2.2016, S. 26–30.

Spielmann, Raphael (2021a): Materialität der digitalen Kinderzeichnung. In: BDK-Mitteilungen 2/2021.

Spielmann, Raphael (2021b)l: Das Dispositiv digital basierter Kinderzeichnungen im Kontext videographischer Beobachtungen und Interpretationen. In: Kekeritz, Mirja/Kubandt, Melanie (Hg.): Kinderzeichnungen – Herangehensweisen, Potenziale, Grenzen. Wiesbaden (Springer VS) 2021.